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von Albert Velser, Vussem

Nach den Fastnachtstagen im Jahr 2009 wurde die Gaststätte „Zur Schneidmühle“ (im Folgenden auch kurz Schneidmühle genannt) in Vussem geschlossen. Damit verloren die Vussemer und auch die auswärtigen Gaststättenbesucher eine Stätte, an der vielfältige Gemeinsamkeiten gepflegt wurden. Dies sollte es wert sein, deren Geschichte soweit wie möglich festzuhalten. Wann genau die Gaststätte, die ihren Namen von der ehemals gegenüberliegenden Eisenverarbeitungsstätte, der Eisenschneidmühle nebst Hammerwerk erhielt, eröffnet wurde, konnte bislang nicht in Erfahrung gebracht werden. Einen ersten Überblick zur Lokalität ist einem Schreiben zu entnehmen, das Daniel Bertram, damaliger Betreiber der Eisenschneidmühle und des Hammerwerkes an den Landrat des Kreises Schleiden, Otto Graf Beissel von Gymnich, richtete. Bei diesem Schreiben vom 6. Mai 1851 handelt es sich um ein Gesuch, die Gaststätte      „ Zur Schneidmühle“ wieder eröffnen zu dürfen.

„Unterzeichneter Daniel Bertram bittet hierdurch um die Erlaubniß in dem von ihm bewohn­ten mit der Nr. 44 bezeichnetem Hause mit Wohnung zu Schneidmühle Schankwirtschaft halten zu dürfen. Die Mutter, Witwe Jakob Bertram hat in selben Hause früher Wirthschaft gehabt und in 1840 wegen Mangel an Absatz in der damaligen verkehrlosen Zeiten ge­schlossen. Heute aber wo die Geschäfte anfangen sich zu beleben und viel Fuhrwerk durch die neu gebaute Communalstraße an meinem Hause vorbei gastiert, hoffe ich das mir die Permission zur Haltung der erwähnten Wirtschaft, da auch hinsichtlich der Lokalität kein Hinderniß im Wege stehen dürfte, erteilt werde.“

Dem Gesuch wurde stattgegeben und dies dem Antragsteller am 15. Mai 1851 mitgeteilt.

Dem vorstehenden Schreiben ist also zu entnehmen, dass die Gaststätte schon vor 1840 betrieben wurde und in der Zeit von 1840 bis 1851 ihr Betrieb ruhte.                                                                              

Bei den Sanierungs- und Umbauarbeiten im Jahr 2010/11 wurde es deutlich erkennbar, dass das Gebäude in Richtung Breitenbenden hin vergrößert wurde. Das nachfolgende vermutlich älteste Foto zeigt dies äußerlich an den 4 Fenstern mit den halbrunden Bögen. Das Mauerwerk sowie der Dachstuhl wurden ohne echten Verbund angefügt.

 

Eine Bemerkung zu dem Foto sei gestattet. Die Fotovergrößerer verstanden schon damals ihr Handwerk. Die vorbeigehende Straße wurde einfach weg retuschiert.

Sollte dieser Anbau in der Zeit zwischen 1840 und 1851 ausgeführt worden sein? Der Wirt und Hammermeister Daniel Bertram war sicherlich ein aktiver Mensch. Auf seine Initiative hin wurde „ auf der Schneidmühle“ 1850 der Mechernicher Handwerkerverein gegründet. Mit dem höheren Verkehrsaufkommen nach Fertigstellung der Kommunalstraße von Kommern nach Tondorf (der heutigen B477) erschien der Gaststättenbetrieb wieder lukrativ. Viele der Fuhrwerke legten bei der Schneidmühle eine Rast ein. Zwei pyramidenartige Steinblöcke mit angebrachten Ringen, an denen die Pferde festgebunden wurden, standen noch bis in die 1960er Jahre im Ein­gangsbereich.

Nach dem Tod des Daniel Bertram im Jahr 1895 ging die Gaststätte an den Sohn Sigmund Bertram über, der ebenfalls Hammerschmied war. In einer Anzeige aus dem Jahr 1907 heißt es wie folgt:

„Restauration Sigmund Bertram, Schneidemühle im Feytal,

hält sich den Touristen Sommerfrischlern bestens empfohlen.

Vorzügliche Küche und Keller.

Hübsche Zimmer. Reizende Lage.“

Wurde im Ort eine Übernachtungsmöglichkeit gesucht, so bot sich hierfür eigentlich nur die Schneidmühle an. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die damals häufig wech­selnden Lehrer der örtlichen Schule fürs erste hier eine Unterkunft fanden.

Im Jahr 1923 verstarb der Hammerschmied und Gastwirt Sigmund Bertram. Da die Ehe mit Anna geb. Heil kinderlos blieb, hatte zwischenzeitlich deren Nichte Anna Donner Einzug in die Schneid­mühle gehalten. So kam es, dass die Gastwirtschaft mit neuem Leben erfüllt wurde, denn einige Vus­semer Jungmänner hatten gefallen an der neuen Wirtin gefunden. Spätestens hier darf ge­sagt werden, dass sich die „Schnekmöll“, wie sie auch genannt wurde, in den Zeiten vor und mit Fräulein Donner nie zu einer landläufigen Dorfgaststätte entwickelte. Hierfür lag sie zu weit vom ei­gentlichen Ortskern entfernt. Somit stand sie auch nicht in Konkurrenz mit der im Ort befindlichen Gaststätte des Franz Schneider, dem späteren Margarethenhof unter Jakob Wüllenweber und Werner Anklam. Die Gastwirtin Anna Donner war für den ruhigeren Gaststättenbetrieb. So war hier eher die ältere Generation zu Gast, bei der es beim Kartenspiel sicherlich auch nicht immer ruhig zuging. Da die Schneidmühle über eine große Terrasse verfügte, kehrten hier auch manche Ausflügler ein. Viele werden sich auch noch an die Kinderbelustigungen erinnern, die in den 50er Jahren am Kirmesmontag hier im Garten statt fanden. Da die Schneidmühle das Vereinslokal des Männergesangvereins war, ist davon auszugehen, dass der Verein 1892 hier gegründet wurde. Die Sänger erinnern sich noch gerne an die vielen Vereinsfeiern, die hier stattfanden. Die Schneidmühle bot auch dem 1962 gegründeten Vussemer Musikverein für die ersten Jahre eine Räumlichkeit zum Abhalten der Proben an. Um das Jahr 1965 ging Fräulein Donner in den Ruhestand und wohnte fortan in Breitenbenden. Die Schneidmühle erwarben die Gebrüder Dederichs aus Breitenbenden. Vor der Verpachtung an neue Wirtsleute erfolgten Umbaumaßnahmen. Der bisherige straßenseitige Eingang wurde in die nach Vussem gerichtete Giebelseite verlegt. Die vier Fenster vom zuvor erwähnten Anbau unbekannten Datums wurden zugemauert und der Gebäudeteil einer separaten Wohnung zugeordnet. Weitere Umbauten erfolgten im Inneren der Schneidmühle. Nach diesen baulichen Maßnahmen war ein   aus Euskirchen kommendes Ehepaar (die sogenannten Holländer) die ersten Pächter. Diese Verpachtung und die Folgende an das Ehepaar Dorffeld dauerte nur ca. 2 Jahre. So kam es, dass die Eheleute Michael und Maria Wollenweber aus Vussem die nächsten Pächter wurden. Fortan zog es auch mehr jüngere Leute zur Schneidmühle, denn Michael Wollenweber war Brandmeister der hiesigen Feuerwehr und auch dem Sportverein, der sein Vereinslokal hierhin verlegte, sehr zugetan. Inzwischen verfügte die Schneidmühle über einen kleinen, angebauten Saal. Leider verstarb der Gastwirt Michael Wollenweber viel zu früh im Mai 1973. Von seiner Ehefrau und der Tochter Marianne wurde der Betrieb bis etwa 1978 weitergeführt. Ihnen folgte Christian Schrötler. Seine Pachtzeit betrug nur ca. 2 Jahre. Kurz vor deren Beendigung wurde 1980 noch der Vussemer Junggesellenverein in der Gaststätte gegründet. Ab der Kirmes 1980 waren die Eheleute Wolfgang und Gertrud Gumeny die Wirtsleute und sorgten hier für einen neuen Aufschwung. Im Jahr 1990/91 erhielt die Gaststätte eine Kegelbahn. Die meisten Teile hiervon stammten aus dem Margarethenhof, der 1990 seinen Betrieb einstellte. Diese Baumaßnahme hatte auch zur Folge, dass der kleine Saal eine Vergrößerung erfuhr. Ein Höhepunkt in der Pachtzeit der Gumenys war die Durchführung der ersten „Ballermann“ Veranstaltungen, die ab 1997 zunächst auf dem Parkplatz der Gaststätte stattfanden und sich bis heute mit großem Erfolg im Ort erhalten haben. Als letzter Verein gründete sich im Saal der Schneidmühle am 21.11.1990 der Vussemer Heimat- und Geschichtsverein. Im Juli 2001 verabschiedeten sich die „Gumenys“ nach 21 Jahren erfolgreicher Arbeit. Als neue Pächter nahmen die aus Euskirchen bzw. Kommern kommenden Eheleute Klaus und Irmgard Müller den Betrieb auf. Nach Beendigung deren Betriebszeit von ca. 8 Jahren schloss die Vussemer Gaststätte „Zur Schneidmühle“ im März 2009 ihre Tür.

Das Gebäude wurde 2010 von Peter Dederich jun. verkauft. Hiervon ausgeschlossen war wie erwähnt der ehemals angebaute Gebäudeteil mit der später separat eingerichteten Wohnung, der bereits 1988 die Eheleute Heinz und Anita Sistig erwarben. Der neue Eigentümer führte von August 2010 bis September 2011 umfangreiche Sanierungs- und Anbaumaßnahmen durch, so dass er sich hier mit der Firma „ProSolarTec“ niederlassen konnte. Die ehemalige Schneidmühle präsentiert sich heute als ein ansehnliches Haus mit einem gepflegten Äußeren und einem modernen Inneren.  Wie ich in Augenschein nehmen konnte, bleibt der Schankraum mit Theke, nach einer großzügigen Neugestaltung, bei der keine Kosten gescheut wurden, erhalten. Er steht für betriebliche und auch für kleinere dörfliche Anlässe zur Verfügung. 

 

Quelle:  Akte zur Gaststätte im Stadtarchiv Mechernich  

            Chronik des Dorfes Vussem 1890 – 1990

            Festschrift 1930, 80 Jahre Handwerker Verein Mechernich

            weitere Aufzeichnungen des Bearbeiters            

 

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